Der folgende Überblick befasst sich mit der Geschichte der Studentenverbindung „Der Marburger Wingolf“. Ein Verständnis dieser Geschichte kann nicht aus dem Zusammenhang der Universitätsgeschichte und der neueren deutschen Geschichte herausgelöst erfolgen. Daher ist die nachfolgende Einteilung in verschiedene Epochen weitgehend in Korrelation zu den historischen Epochen der deutschen Geschichte gesetzt.

Gründung und Anfänge des Marburger Wingolf
1847-1851

Am 25.02.1847 wird der „Marburger Wingolf” von elf Studenten an der Philipps Universität Marburg gegründet. Als Grundlage dieser Gemeinschaft dient das Christianum, also das Bekenntnis zu Christus. Hieraus leitet sich auch der Verwurf von Duell und Mensur ab. Als Farben nimmt der Marburger Wingolf am 08.03.1848 die Farben gold-weiß-gold an. Der Marburger Wingolf sieht sich damit als Teil des Gesamtwingolfs, der 1848 aus den Wingolfsverbindungen in Berlin, Erlangen, Halle und Marburg besteht und vom 24.05. bis 25.05.1848 das erste Wartburgfest feiert.

Im Jahre 1850 wird in Hessen der Kriegszustand erklärt. Das führt dazu, dass sich alle Verbindungen auflösen müssen. Als sich am 18.01.1851 der Marburger Wingolf rekonstituieren kann, trennen sich die Befürworter der eher burschenschaftlichen Ausrichtung ab und gründen die bis 1859 bestehende Burschenschaft Germania.

Politischer Richtungsstreit und seine Beilegung
1852-1875

Zum 12.08.1852 nimmt der Marburger Wingolf als Zeichen der Zugehörigkeit zum Gesamtwingolf die Farben schwarz-weiß-gold auf. Im Jahre 1860 wandelt sich der Gesamtwingolf dann jedoch in den Wingolfsbund um, der nun den einzelnen Wingolfsverbindungen mehr Eigenständigkeit einräumt.

Da im Jahre 1866 Kurhessen durch Preussen annektiert wird, tritt der Marburger Wingolf aus Protest hierüber aus dem Wingolfsbund aus und legt 1867 die Farben rot-weiß-gold an.

Als Reaktion darauf gründen aus Erlangen zurückkehrende Inaktive im Jahre 1869 den Altwingolf, der weiterhin die Farben schwarz-weiß-gold führt und 1871 als rechtmäßiger Nachfolger des Marburger Wingolf von 1847 anerkannt wird. Im Jahre 1874 nimmt daher der Altwingolf den Namen Marburger Wingolf an.

Erst im Jahre 1875 kommt es zur Wiedervereinigung der beiden Marburger Wingolfverbindungen unter den heutigen Farben grün-weiß-gold. Die Chargierten tragen als Traditionsband weiterhin gold-weiß-gold. Im §13 des Vereinigungsvertrages distanziert sich der Marburger Wingolf nun von allen politischen Betätigungen und wird am 24.04.1875 erneut in den Wingolfbund aufgenommen.

Von der Reichsgründung bis zum Nationalsozialismus
1875-1933

Um für Veranstaltungen nicht mehr auf Kneiplokale angewiesen zu sein, wird von 1887 bis 1888 das Haus in der Lutherstrasße 12 errichtet, welches das erste Haus einer Wingolfsverbindung überhaupt darstellt und nach der einsemestrigen Suspendierung der Aktiven vom Universitätsbetrieb in erheblichem Maße durch deren Mitarbeit entsteht.

Vom 07.07. bis 08.07.1890 findet in Diez die erste Konvention mit den Verbindungen Bonn, Gießen, Marburg und Heidelberg statt.

Um die Philisterschaft des Marburger Wingolf zu organisieren, wurde am 10.03.1904 der Verband Marburger Wingolfsphilister (VMW) gegründet. Im Jahre 1906 wird zudem das heutige grün-weiße Fuxenband eingeführt.

Nach dem ersten Weltkrieg, der vom Wingolfsbund und insbesondere dem Marburger Wingolf im Vergleich zu anderen Verbänden hohen Blutzoll gefordert hatte, kam es 1921 zur Ratifizierung des Erlanger Ehren- und Verbändeabkommens, welche eine Klärung von Ehrenhändeln zwischen schlagenden und nichtschlagenden Verbindungen durch ein Ehrengericht regelt.

Aufgrund der hohen Mitgliederzahl wird das Haus in der Lutherstraße 12 bald zu klein und es gründet sich 1927 der Bauverein des Marburger Wingolf e.V., welcher 1930 zusätzlich das Haus in der Lutherstrasse 10 aufkauft. Weiterhin gelingt es dem Marburger Wingolf wegen seiner hohen Mitgliederzahl, den in Clausthal vertagten Wingolf in Marburg wiederzugründen. Dazu treten 16 Burschen und 10 Füxe im Jahre 1930 zum Clausthaler Wingolf zu Marburg über.

Auflösung des Marburger Wingolf in der Zeit des Nationalsozialismus
1933-1946

Als die NSDAP 1933 in die Regierung kommt, versucht sie die Korporationen als Konkurrenz zu ihren studentischen Nachwuchsorganisationen gleichzuschalten. Aus diesem Grund muss 1933 der Marburger Wingolf formal das „Führerprinzip“ als innere Organisationsform übernehmen. Schon 1935 wird der politische Druck aber so groß, dass das Haus in der Lutherstraße 12 an den Diakonieverband verkauft wird, um einer Enteignung zuvorzukommen. Im selben Jahr wandelt der Wingolfsbund formal die Ortsverbindungen in „Christliche Arbeitskreise Wingolf“ um, was am 29.10.1935 zur Konstitution des „Christlichen Arbeitskreises Wingolf zu Marburg“ führt. Nachdem 1936 auch das Haus in der Lutherstraße 10 verkauft wurde um einer Beschlagnahmung zu entgehen, wird das Haus in der Lutherstraße 12 durch den Bauverein gekauft. Am 01. April 1939 löst sich mit dem VMW und dem Bauverein der Marburger Wingolf in seinen offiziellen Strukturen auf.

Von der Wiedergründung bis heute
1947 bis heute

Anlässlich des 100. Stiftungstages gründet sich bereits am 24.02.1947 der VMW wieder. Zum 101 Stiftungsfest gelingt es, bereits eine Aktivitas von 10 Aktiven aufzubauen, die am 25.02.1948 den Marburger Wingolf wiedergründen. Schon 1950 läßt es die Aktivenzahl zu, auch den Clausthaler Wingolf zu Marburg durch drei beurlaubte Aktive wiederzubegründen.

Am 24.11.1948 kann sich auch der Wingolfsbund offiziell rekonstituieren, wenn auch aufgrund der politischen Lage die Ostverbindungen keine Möglichkeit haben, sich offiziell wiederzugründen und das Wartburgfest nun wechselnd in verschiedenen westdeutschen Städten stattfinden muss.

Nachdem 1954 durch ein Urteil des Landgerichtes Gießen der Marburger Wingolf als durch die NSDAP zwangsaufgelöste Vereinigung eingestuft wird, erhält der VMW das heutige Wingolfshaus in der Lutherstraße 10 im Jahr 1956 zurück und verkauft das Haus in der Lutherstraße 12.

Die für viele Korporationen in personeller Hinsicht verhängnisvolle Zeit von 1968 bis 1970 übersteht der Marburger Wingolf und muss sich im Gegensatz zu einigen Ortskorporationen nicht vertagen, sondern pflegt weiterhin ein auf seinen Prinzipien und Traditionen beruhendes Verbindungsleben.

Unter großer Beteiligung wurde im Sommer 2007 das 160. Stiftungsfest gefeiert.